Uschi Lichtenegger
Themenbereiche:
Klubobfrau (Kultur, Frauen, BürgerInnenbeteiligung, Augarten, Nordbahnhof, Zusammenleben)
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Trauriger SPÖ-Schwank im Zuge Nordbahnhof-Straßenbenennung
24.12.2007 | Demokratie, Frauen, Topstory
Am Nordbahnhofgelände wird eine Stadt in der Stadt gebaut, 20.000 Menschen werden in wenigen Jahren hier leben und arbeiten.
Seit Jahren wurde von den Grünen Leopoldstadt gefordert, für die Straßenbenennung im Nordbahnviertel auf die jüdische Geschichte des Nordbahnhofs einzugehen. Vor allem Frauen muss im öffentlichen Raum endlich Platz gegeben werden. Die männliche Machtpolitik von rot, schwarz und blau verhindert dies derzeit noch erfolgreich – leider!
Bei der Namensvergabe waren die roten Kulturbezirksvertreter (ja – sie waren männlich) leider nicht sehr standhaft. Im Juni 2007 traten sie mit dem Vorschlag auf, lange Straßen im Zusammenhang mit der Geschichte des Nordbahnhofs zu belegen und kurze Straßen von einer ominösen Namensliste, die sie uns leider nicht zeigen konnten (das ist leider übliche Bezirkspolitik der Roten). Die Grünen haben eine Straße nach der jüdischen Ärztin Fanny Mintz eingefordert. Die SPÖ wollte die Prerauer Straße (nach der Stadt Prszeslov in Tschechien), musste sie aber zurückziehen, nachdem ein Nachkriegsverbrechen in dieser Stadt bekannt wurde.
Im Oktober wurde ein Arbeitskreis eingesetzt, das gesamte Nordbahnviertel sei nun zu benennen. Es wurden zwei grüne Vorschläge, Anita Müller-Cohen, und Tomáš Garrigue Masaryk, angenommen. In einem nächsten Arbeitskreis aber dann wieder abgelehnt weil die FPÖ Probleme mit den verschiedenen Persönlichkeiten hatte (wie erwartet). Dass die SPÖ aber hier lieber mit der FPÖ zusammen arbeitet, ist eine demokratische Niederlage für unseren Bezirk. Dabei erfreut sich das Anita-Müller-Cohen-Elternheim in Israel großer Beliebtheit bei österreichischen PolitikerInnen, kein Besuch ohne medienwirksame Ablichtung. Und wir fragen uns, ob nicht die SPÖ mit dem Theodor-Herzl-Platz im 1. Bezirk ein Problem hat? Die SPÖ lehnte nämlich Anita Müller-Cohen u.a. auch ab, weil sie sich für die Anerkennung der Juden als Nation einsetzte.
Keine grüne Zustimmung zur nun beschlossenen Benennung im Paket
Ein Abrücken von unseren Vorstellungen würde zu weit gehen, auch wenn ein grüner Vorschlag -- Eva Popper, nur 3 Wochen alt, wurde sie vom Nordbahnhof weg deportiert -- aufgenommen wurde. Wenn die SPÖ wiederholt bevorzugt den Konsens mit der FPÖ als mit uns sucht, sehen wir auch keine Möglichkeit zum Kompromiss. Es wurde die große Chance vertan, das Unrecht, das der jüdischen Bevölkerungsgruppe unter dem Nationalsozialismus angetan wurde, sichtbar in Form von Straßennamen, zu machen. Den betroffenen Menschen einen Namen zu geben, auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen, sowie es Dr. Elisabeth Ben David-Hindler mit der "Straße der Erinnerung" http://www.steinedererinnerung.net/ macht. Aber die SPÖ betreibt lieber kleinliche Bezirkspolitik, sie tauft lieber nach Rabensburg und Bernstein, nur um für nichts gerade stehen zu müssen.
Auch an anderen Orten im Bezirk schlägt der ewige männliche SPÖ-Alleinregierungs-Chauvinismus zu. Bald gibt es auch den Rudolf-Kauba-Platz: ein SPÖ-Bezirkspolitiker. Wir meinen, es gibt genug Frauen, die Benennung im öffentlichen Raum verdient hätten.
Links:
Dr. Fanny Mintz, geboren 1892, wohnte zuletzt in der Großen Schiffgasse 18 in einer Sammelwohnung. Sie wurde am 25.5.1943 vom Nordbahnhof weg ins KZ Theresienstadt deportiert, von dort am 19.10.1944 ins KZ Auschwitz gebracht und ist seither verschollen.
Anita Müller-Cohen –- Feministin, Sozialarbeiterin, Zionistin
geb. 1890 in Wien, gest. 1962 in Israel.
Anita Müller Cohen setzte 24jährig neue Maßstäbe in der Hilfstätigkeit für die nach Kriegsausbruch in großer Zahl nach Wien geflüchteten galizischen und bukowinischen Juden, die am Nordbahnhof ankamen. Sie organisierte Wöchnerinnen- und Säuglingsfürsorge, schuf Kinder- und Mütterheime, Heil- und Heimstätten für Frauen und Kinder der verschiedensten Altersstufen, Kindergärten, Analphabeten- und Fortbildungsschulen, Ambulatorien, Notstands- und Altersasyle, Mittelstandsküchen; sie organisierte Arbeitsvermittlung, Nähstuben, Bekleidungsaktionen, nach Beendigung des Kriegs auch Aktionen für Soldaten und andere Heimkehrer. – Heute sind diese Sozialarbeiten fast selbstverständlich, damals waren sie bahnbrechend.
Weiters leitete sie in Wien Aktionen zur Verbesserung der Sozialgesetze, des Kinderschutzes und der Frauenrechte, u.a. bemühte sie sich um aktives und passives Wahlrecht für Frauen zum Gemeinderat und wurde die jüngste Gemeinderätin der Stadt Wien.
Anfang 1936 emigrierte Anita Müller-Cohen nach Tel Aviv und nahm dort sofort die Wohlfahrtsarbeit, besonders für ältere Leute unter den Einwanderern auf. Sie gründete Institute für bedürftige Kinder, startete viele weitere soziale Initiativen und organisierte Hilfe für die illegalen Einwanderer des Zweiten Weltkriegs, die durch die englische Blockade nach Israel kamen.
Tomáš Garrigue Masaryk (1850-1937), Philosoph, Universitätsprofessor, Staatspräsident der Tschechoslowakei von ihrer Gründung im Jahre 1918 bis zu seinem Rücktritt im Jahre 1935. Am 14. September 2007 jährte sich sein Todestag zum 70. Mal.
Masaryk stammte aus einfachen Verhältnissen, sein Vater war Slowake und seine Mutter deutsch orientiert. Er besuchte das deutsche Gymnasium in Brünn und maturierte 1872 am Akademischen Gymnasium in Wien. Anschließend studierte er in Wien und unterrichtete auch am Leopoldstädter Gymnasium. Er war Philosophieprofessor an der Prager Universität, gründete 1900 die Realistische Partei und saß bis 1914 für diese im Reichsrat. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges verließ er Böhmen und ging ins Exil nach Frankreich. In den USA handelte er im Mai 1918 den Vertrag von Pittsburgh über die Gründung der Tschechoslowakei aus. Am 14. November 1918 wurde er von der provisorischen Tschechoslowakischen Nationalversammlung zum Präsidenten gewählt. Die Republik war ein „Vielvölkerstaat“ und er strebte eine Gleichberechtigung aller Minderheiten an, auch der Deutschböhmen. Masaryk engagierte sich Zeit seines Lebens gegen Antisemitismus, Aberglauben und Lügen. Aus diesen Gründen wurde er zur Hass-Figur der Sudentendeutschen und der Nazis.
Abgelehnt, da war doch was mit Nationalismus?
Keine grüne Zustimmung zu den beschlossenen Benennungen im Paket:
Eva-Popper-Gasse – deportiertes Baby: geboren 11.03.1943, deportiert 01.04.1943 ins KZ Theresienstadt. Seither verschollen. Sie war mit 3 Wochen das jüngste vom Nordbahnhof deportierte Kind. Ihr Name wurde von den Grünen stellvertretend für all die Tausend deportierten und ermordeten Kinder, die dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer fielen, gefordert.
Rabensburger-Straße – eine Ortschaft im Weinviertel an der Nordbahn.
Kraukauer-Straße – Universitätsstadt, liegt an der oberen Weichsel im südlichen Polen.
Übellacher-Straße – Erbauer der ersten Eisenbahn-Brücke über die Donau (1837-1838).
Fritz-Plasser-Gasse –ÖVP-Wirtschaftsfunktionär und -Bezirkspolitiker (1923-1996).
An der alten Kohlenrutschen
Theodor-Hoffmann-Straße – Architekt des 2. Nordbahnhofs
Anton-Jüngling-Straße – Architekt des 1. Nordbahnhofs
Bernstein-Allee – Urgeschichtlicher bedeutsamer Handelsweg
Und es geht noch weiter mit dem Männerreigen…
Weiters wurden folgende Benennungen beschlossen:
Humbert-Spitzer-Platz – Taborstraße Ecke Blumauergasse – Funktionär im Wiener Taubstummen-Fürsorgeverband und langjähriger Obmann und Ehrenobmann der Gehörlosengemeinschaft.
Johannes-von-Gott-Platz – Krankenhaus der Barmherzigen Brüder – Gründer des Ordens der Barmherzigen Bürder, Wunsch des Krankenhauses.
Rudolf-Kauba-Platz – Praterstr./Taborstr./Gr. Mohrengasse – SPÖ-Bezirkspolitiker
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